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Der Joker ist kein Satanist! [1]

Analyse von Alexander Wolber

17.03.2026
Symbolbild

Seit der Festnahme eines 20-Jährigen im Juni 2025 in Hamburg führen Verschwörungstheoretiker gelegentlich den Fall "White Tiger" als Beleg für die Existenz von "Ritueller Gewalt/Mind Control" (RG-MC) an. In der Realität haben diese beiden Sachverhalte allerdings nichts miteinander gemein.

"White Tiger" war der Profilname eines 20-Jährigen, dem vorgeworfen wird [2], im Alter zwischen 16 und 19 Jahren über 120 Straftaten gegen acht Kinder und Jugendliche begangen zu haben. Er soll sich online das Vertrauen der Geschädigten erschlichen (sogenanntes "Cybergrooming") und sie durch gezielte Manipulationen zu sexuellen und selbstschädigenden Handlungen im Internet verleitet haben. In mindestens einem Fall hätte er zudem ein Kind vor laufender Kamera in den Suizid getrieben.

"White Tiger" ist Mitglied des Netzwerks "764" – einer kriminellen Online-Community, die Kinder und Jugendliche im Internet gezielt manipuliert und zu ähnlichen Taten motiviert wie im Fall von White Tiger. Die Community ist stark hierarchisch organisiert und besteht aus mehreren "Zellen", die von sogenannten Cell Ownern geleitet werden und thematisch unterschiedliche Straftaten begehen. Die höchste Ebene bildet die Inner Cell, also Personen, die sich als besonders loyal gegenüber den Aktivitäten von 764 [3] zeigen.

Ein Aufstieg zum Cell Owner oder sogar in die Inner Cell gelingt über eine längere Mitgliedschaft im Netzwerk und durch zahlreiche begangene Straftaten. Laut FBI laufen rund 250 Verfahren [4]gegen Mitglieder von 764.

Das 764-Netzwerk ist seinerseits Teil des sogenannten Com-Netzwerks, das neben 764 zahlreiche andere gewaltverherrlichende Online-Gruppen umfasst, die es auf psychisch labile und leicht manipulierbare Kinder und Jugendliche abgesehen haben [5].

Nihilistisch gewaltbereiter Extremismus

Seit dem Fall "White Tiger" kursiert das wissenschaftlich wenig beforschte und kriminologisch unscharfe Konzept des "nihilistisch gewaltbereiten Extremismus" (englisch: nihilistic violent extremism, NVE) in den Medien. Damit soll laut Felix Neumann, Referent für Extremismus- und Terrorismusbekämpfung der Konrad-Adenauer-Stiftung, das 764-Netzwerk treffend beschrieben werden [3].

Beim NVE geht es um eine Reihe von Überzeugungen und Einstellungen einer Person, die mit der Ablehnung der Gesellschaft, der Verherrlichung von Gewalt (selbstgerichtet und zwischenmenschlich) sowie dem Wunsch nach sozialer Instabilität, Chaos oder einem gesellschaftlichen Zusammenbruch einhergehen (Hart, 2026). Nihilistische Extremisten vertreten ein misanthropisches Weltbild, bei dem keine bestimmte Gruppe, kein konkretes Feindbild und kein politisches Ziel im Zentrum der Ideologie stehen. Vielmehr richtet sich der Hass gegen die Gesellschaft als Ganzes und um seiner selbst willen [3].

Laut Hart (2026) empfinden nihilistisch gewaltbereite Extremisten die moderne Gesellschaft als "entartet" und sich in einer Krise befindend, die lediglich durch Gewalt überwunden werden könne. Das Leben ist aus ihrer Sicht allgemein nicht besonders wertvoll – auch nicht das eigene. Manche Personengruppen, etwa Juden, Feministen und Angehörige der LGBTQ-Community, gelten aus ihrer Sicht als besonders wertlos (ebd.).

An diesen Stellen gibt es im Übrigen immer wieder thematische Überschneidungen mit dem Rechtsextremismus. Nihilistisch gewaltbereite Extremisten sehen sich jedoch in der Regel nicht als Angehörige einer überlegenen "Rasse" mit Herrschaftsansprüchen, sondern zeichnen sich eher durch einen allgemeinen Hass auf Menschen aus (ebd.).

Im Übrigen repräsentiert die Kultfigur des "Joker" aus The Dark Knight (2008) zwar eine künstlerisch überzeichnete, im Kern jedoch zutreffende Darstellung eines nihilistisch gewaltbereiten Extremisten. Auch der Joker verfolgt keine politischen Ziele, sondern möchte Chaos stiften und das gesellschaftliche System einstürzen sehen. In einem Gespräch mit Bruce Wayne fasst der Butler Alfred im Film das Grundmotiv des Jokers treffend zusammen: "Manche Männer wollen einfach nur die Welt brennen sehen."

Ist "White Tiger" nun ein Paradebeispiel für Rituelle Gewalt/Mind Control?

Kurz und knapp: Nein! Das Vermischen dieser beiden Sachverhalte ist das Resultat einer typischen Verwässerung kriminologischer Konzepte, zu der Vertreter der RG-MC-Verschwörungsideologie gerne neigen. Kernelemente von RG-MC sind die Idee der Existenz einer im Geheimen agierenden satanischen Elite, die über viele Jahre hinweg Kinder unbemerkt aufs Heftigste (sexuell) missbrauchen, dadurch deren Persönlichkeit in Teilpersönlichkeiten aufspalten und diese anschließend aus der Ferne steuern können.

Nichts dergleichen ist über 45 Jahre hinweg weltweit jemals auch nur ansatzweise belegt worden, wohingegen das 764-Netzwerk und sein Vorläufer bereits seit vielen Jahren bekannt sind und polizeiliche Ermittlungen zu handfesten Belegen für deren Aktivitäten geführt haben. Die Täter im 764-Netzwerk wenden auch keine "Mind Control"-Techniken im Sinne der RG-MC an, um ihre Opfer zu missbrauchen, sondern nutzen Manipulationsstrategien, die von pädokriminellen Tätern häufig eingesetzt werden und in der wissenschaftlichen Literatur seit Langem beschrieben sind.

Annäherungsstrategien durch das Erschleichen des kindlichen Vertrauens, soziale Isolation, das Herstellen emotionaler Abhängigkeit und Druckausübung sind typische Strategien pädokrimineller Täter, die auch im Fall "White Tiger" beschrieben wurden. RG-MC-Verschwörungstheoretiker werfen zudem häufig die Begriffe "organisierte" und "rituelle" Gewalt durcheinander.

Ersteres beschreibt ermittelbare Tätergruppen, die sich in Netzwerken (z.B. Pädophilenringe oder eben 764) organisieren, eigene Machtpositionen gegenüber ihren Opfern ausnutzen und dabei (wiederholt) Gewalt anwenden. Letzteres charakterisiert die Verschwörungserzählung einer Elitengruppe, die im Geheimen über viele Jahre hinweg schwerste Missbräuche unter Zuhilfenahme okkulter und satanischer Praktiken durchführen würden, ohne dass – abgesehen von einer kleinen, auserlesenen Gruppe – jemals jemand etwas davon mitbekommt. Auch das Konzept des NVE, das im Fall "White Tiger" aktuell diskutiert wird, hat inhaltlich wenig mit den Ideen der RG-MC-Verschwörungserzählung gemein.

Zu wenig digitale Sicherheit für Kinder und Jugendliche

Schlussendlich ist der Fall "White Tiger" und seine Hintergründe ein weiteres erschreckendes Beispiel dafür, wie ausgeliefert Kinder und Jugendliche Kriminellen im Internet heute sein können und wie wenig wir gegenwärtig für ihre digitale Sicherheit tun. Der Fall sensibilisiert einmal mehr dafür, wie wichtig es ist, mit unseren Kindern, Schülern und Schutzbefohlenen ein offenes und vertrauensvolles Verhältnis zu pflegen, Interesse an ihren Aktivitäten zu zeigen und gemeinsam mit ihnen den digitalen Raum zu erkunden.

Die Versuche von RG-MC-Verschwörungstheoretikern, eine Spur zu geheimen Eliten zu legen, die Kinder rituell missbrauchen und "Mind-Control"-Techniken anwenden würden, lenken von realen Problemen ab und binden wichtige Ressourcen an Nebelkerzen.

Erstveröffentlichung auf dem Blog der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften [6]. 

Literatur

Hart, M. B. (2026). "Less than a speck of dirt": exploring the manifestos of nihilistic violent extremists. Behavioral Sciences of Terrorism and Political Aggression, S. 1-20


Source URL:https://gbs-bodensee.de/meldung/der-joker-ist-kein-satanist

Links
[1] https://gbs-bodensee.de/meldung/der-joker-ist-kein-satanist [2] https://www.polizei.hamburg/cybergrooming-1071502 [3] https://www.kas.de/de/einzeltitel/-/content/die-entwicklung-nihilistischer-gewalt [4] https://abcnews.com/US/fbi-opened-250-%20investigations-tied-violent-online-network/story?id=121480884 [5] https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/241210_Gewalt-Chat-Gruppen.html [6] https://blog.gwup.net/2026/03/16/gastbeitrag-der-joker-ist-kein-satanist/